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Mutter Natur

Langsam versinkt die Sonne am Horizont und verzaubert das Land mit wunderbaren Farben.

Noch warm haucht der Wind seinen Atem über die Lande und küsst die Natur mit seinem Nebelkleid. Das sonst so muntere Singen der Vogelwelt scheint langsam zu verstummen und die Tiere des Waldes und der Wiesen lassen sich von dem herannahenden Abend verführen. Die sonst so scheuen Rehe trauen sich, wenn auch nur langsam aus den tiefen Wäldern und stärken sich an den Früchten der Felder. Ihr Auftreten scheint jetzt ohne Angst zu sein, die sie tagsüber im Schutz der Wälder fesselt.Kleine Gruppen von Hasen sitzen hier und da in den Rüben und mümmeln friedlich ohne Hast.

Still wiegen sich das Getreide der Felder und die äste der Bäume im Takt des Windes.

Die Moore und Seen versinken immer mehr in dem Nebelkleid und hinterlassen ein schaurig schönes Bild. über dem Meer hat sich der Horizont dunkel verfärbt und hin und wieder durchziehen Blitze den Abendhimmel. Die Wellen schlagen nun stärker gegen das Land und ihr Rauschen verheißt eine unruhige Nacht.

Einige Fischerboote tanzen unruhig auf See, als wenn sie sagen wollten, "Herr bringe uns nach Haus in den schützenden Hafen die Nacht kommt", doch die Fischer überhören dieses Flehen, denn die Arbeit ist noch nicht ganz getan. Ja, die Kinder, die noch sehr jungen, werden nun mehr oder weniger quengelnd zu Bett gebracht, und einige ältere kauern heimlich hinter Sträuchern und Häuser und versuchen sich am Rauchkraut. Die letzten Bauer schleichen doch recht müde von den Feldern und freuen sich auf Speis und Trank, dass sie zu Haus oder in der Taverne erwartet.

Das Getreide wiegt sich nun stärker im Takt und es beginnt ein Lied zu singen, aber dieses Lied verheißt nichts Gutes. Sturm hat sich angesagt. Aus dem Singen des Windes wahrt langsam das Wehklagen der Nacht. Das Vieh auf den Weiden und in den Ställen kommt nicht zur Ruh. Es verhält sich merkwürdig, als wenn man seine Hand in einen Ameisenhügel legt. ängstlich schauen die Menschen in den Abendhimmel. Die sonst so ruhige Fahrt der Wolken wird von den Winden so aufgehetzt, dass es sich jetzt um eine Flucht handelt. Eilig suchen die Lebewesen Schutz zu finden. Plötzlich durchbricht ein merkwürdiger Laut das Treiben des Landes; selbst das herannahende Unwetter scheint einen Moment inne zu halten.

Dieser Laut dringt durch Mark und Bein. Er scheint aus allen Himmelsrichtungen zu kommen.

Die Fischer auf See schrecken hoch, lassen die Arbeit enden und eilen gen Land zum sicheren Hafen.

Die Kinder in ihren Betten kauern sich ängstlich unter ihren Fellen; die Mütter, von Angst erfüllt schließen eilig die Fensterläden und suchen Schutz beim Manne. Die Rehe recken ihre Köpfe. Wieder dieser Laut. Noch durchdringender als vor ein paar Momenten. Wie vom Wolf gejagt eilt das Wild in den Wald. Bloß tief in den Wald ins Geäst. Schutz ist jetzt der Lebenswille.

Die Sonne ist nun ganz verschwunden. Dunkelheit wo hin das Auge blickt. In weiter Ferne beginnt es zu Grollen. Das Unwetter mit Gewitter, Sturm und Regen hält nun Einmarsch ins Land.

Wieder, nun majestätischer, durchwandert dieser unheimliche Laut das nun leere Land. Der Laut warnt noch einmal, "Schutz, sucht alle Schutz, damit euch die Reigen des Unwetters nicht holen." Das Treiben im Land und der warnende Laut verstummen; das Unwetter hält Einzug.

Dieser Laut, der das Blut in den Adern gerinnen lässt und die Lebewesen vor dem Unwettern warnt, ist so alt wie die Zeit. Woher dieser Laut stammt, weiß keiner so genau.

Manche Menschen, darunter auch Gelehrte, vermuten, dass es sich um das Gebrüll eines mächtigen Hirsches, dem König der Wälder, handelt. Doch Elfen, Gnome, Zwerge und Waldläufer und andere Lebewesen des Waldes erzählen sich etwas anderes...

Lang vor dem Leben, so wie wir es kennen, weit zurück in der Zeit, gab es nur eine Einöde in unseren Land. Es bestand aus einem schroffen Felsen, der an das Meer grenzte.

Die Schöpferin allen Lebens, Mutter Natur, betrachtete eines Tages die Erde. Ihr fiel die Einöde auf und sie dachte: "Die Erde ist mir gelungen, doch dieser Landstrich am Meer gefällt mir nicht."

Das Meer begann unruhig zu werden. Wellen türmten sich auf und wurden zu richtigen Giganten. Dann passierte es, die gigantischen Wellen schlugen mit ungeheurer Kraft auf die Felsen auf. Ein Grollen, Zischen wart zu hören; der Himmel verdunkelte sich.

Die Felsen zerbarsten in unzählige Scherben. Plötzlich beruhigte sich das Meer wieder und der Himmel hellte auf. Mutter Natur blickte um sich. Noch war nicht viel geschehen,

da erblickte sie vier riesige Felsen im Scherbenmeer. Mutter Natur hauchte den Atem des Lebens über das Land. Plötzlich veränderte sich die Einöde. Es bildeten sich Wälder, Auen, Seen und Gebirge.

Die kleinsten Felsscherben verwandelten sich in Getier, vom kleinen Krebs bis hin zu großem Elch.

Mutter Natur begann zu Lächeln. Schon besser dachte sie sich. Was das schöne Treiben jetzt noch störte, waren die riesigen Felsscherben. Mutter Natur ließ die Sonne noch stärker werden. Wieder blies sie ihren Hauch über das Land. Da geschah es: die vier Felsen zerbarsten und unter ihrer Schale kamen Tiere zum Vorschein, die noch keiner bis her erblickt hatte. Es waren große Tiere, die größten überhaupt.

Der mächtige, von einem Schuppenpanzer geschützte Körper, wurde getragen von vier gewaltigen Beinen mit großen Tritten. Auf einen langen Hals thronte der übermäßige Kopf.

Auf dem Kopf trugen die Tiere zwei Hörner und auf der Schnauze ragte ein ganz besonders großes Horn.

Diese Tiere hatten auch Flügel, die gigantisch waren. Und zu guter letzt, als Schutz gegen Feinde konnten diese Tiere Feuer speien. Mutter Natur schaute auf ihr besonderes Getier. Es war einzigartig.

Sie nannte dieses Getier, Dragus, was in der Gelehrtensprache übersetzt Drache bedeutet.

Sie gab den Drachen Namen, aber auch Aufgaben. Der erste Drache trug den Namen Nabour. Er war der Wächter des Lebens und der Natur. Der zweite hieß Ozangur, der Wächter des Meeres und des Wassers. Der Dritte, war der Wächter des Winde und des Wetters, und hieß Stormaag. Der vierte, er war der schmächtigste von allen, wurde Cragon genannt. Er war der Wächter des Glaubens und des Undenkbaren. All diese Drachen waren die Söhne von Mutter Natur und die Wächter des Landes.

Das Land und seine Lebewesen begannen zu blühen. Aber dann geschah das, was nie passieren sollte.

Stormaag hatte Gefallen daran gefunden, das Land mit Unwettern zu überziehen. Lebewesen verloren ihr Leben, Natur wurde zerstört. Dieses erzürnte Mutter Natur sehr. Sie hatte die Drachen gesandt, um das Gleichgewicht im Land zu erhalten, so wie es das Leben vorschreibt. Aber Stormaag hielt sich nicht daran. Immer wenn sich das Land nach seinem Treiben erholt hatte, schickte er neue Unwetter los. Wieder verwandelte er das Land in ein Chaos. Auch Nabour gefiel das Treiben seines Bruders nicht. Er ermahnte ihn immer und immer wieder, doch Nabours Worte blieben unerhört. Stormaag machte immer weiter, er steigerte seine Lust zu zerstören weiter. Immer wenn der Mond voll am Nachthimmel stand, trafen sich die vier Brüder im Drachenhort, um neue Kraft zuschöpfen. Doch diesmal war es anderes. Stormaag lag in seiner Ecke der Höhle, stierte wie wahnsinnig ins Lebensfeuer, welches in der Mitte der Höhle loderte. Nabour und die anderen beiden Brüder Ozangur und Cragon weilten noch vor der Höhle und beratschlagten wie man Stormaag zur Räson bringen könne. Plötzlich kam Wind auf; die mächtigen Tannen vor dem Drachenhort wiegten sich und begannen zu ächzen. Man sah wie ein Licht durch die Bäume fiel. Es kam rasch auf die Drachen zu. Dann wart eine Stimme zuhören. Diese Stimme erklang fast wie ein Lied. Ihr Klang war so liebreizend und zärtlich zu gleich. Die drei Brüder legten sich demütig auf ihre Vorderläufe, breiteten die Flügel aus und neigten demütig ihre Köpfe. Das Licht wurde stärker und kam kurz vor den Drachen zum Stehen. In dem Licht war eine Frau zu sehen. Ihr goldenes und langes Haar bewegte sich im Wind. Die Augen strahlten, sie waren so grün wie der Wald und klar wie ein Bergsee. Die Frau lächelte sanft, so dass einem das Herz zu zerspringen begann.

Es war die Mutter der Drachen, die Mutter allen Lebens. "Gegrüßt seid ihr, Kinder des Lebens, blicket auf." Die Drachen reckten die Köpfe. Sie lauschten den Worten von Mutter Natur. Mutter Natur lobte das Tun der Drachen, doch sie tadelte das Werk von Stormaag. Sie mahnte noch einmal, dass das Leben im Gleichklang bestehen müsse, sonst hätte die Dunkelheit, das Böse leichtes Spiel.

Und wenn alles aus dem Gleichgewicht geriet, dann würde das Feuer des Lebens im Drachenhort für immer erlöschen. Mit diesen Worten verschwand Mutter Natur in einem grellen Licht. Dieses Licht fuhr wieder durch die Bäume und erlosch. Es wurde wieder windstill. Die drei Drachen blieben zurück. Nabour, der älteste und größte Drache, betrat die Höhle und rief mit fester Stimme den Namen seines Bruders, der immer noch ins Feuer stierte. Der aber reagierte nicht.

Nabour wurde so ärgerlich, das er seinem Bruder Stormaag mit aller Kraft in die Seite stieß.

Stormaag brüllte, stand auf, breitete seine Flügel aus, stellte sich auf und fletschte mit seinen Zähnen.

Nabour zeigte keine Angst. Er sprach auf Stormaag ein, ermahnte ihn. Doch seine Worte und die Worte der Mutter verhallten ungehört in der Höhle. Dann passierte es: Es kam zum Kampf der Gebrüder.

Zwei riesige Körper prallten gegeneinander. Gebrüll aus Schmerz und Kraft war zu hören.

Ozangur und Cragon betraten den Drachenhort. Sie forderten die kämpfenden Drachen auf, aufzuhören und eine andere Lösung zu finden. Doch dann ein Schmerz durchzogenes Gebrüll. Nabour war verletzt worden, er stürzte zu Boden. Was war geschehen? Nabours mächtiges Horn auf der Schnauze war im Kampfe abgebrochen. Blut rann aus der Wunde. Stormaag ließ von seinen Bruder ab und verkroch sich in einer Ecke und knurrte siegesbewusst. Nabours Augen tränten vor Schmerz.

Noch leicht benommen richtete er sich auf, wankte zu Stormaag, holte mit seiner rechten Pranke aus und versetzte seinen Bruder einen so heftigen Schlag, das Stormaag bewusstlos zur Seite flog. Dann tauchte aus dem Nichts Mutter Natur im Drachenhort auf und sah das Unglück. Sie ging auf Stormaag zu und erweckte ihn aus seiner Ohnmacht. Verängstigt vor der Strafe die kommen würde, kauerte er sich zusammen. Die Mutter sprach. "Musste es so weit kommen, dass sich Geschwister bekämpfen und einander hassen." Ich habe euch geschaffen, um das Leben zu schützen und nicht zu zerstören.

Stormaag, sieh was du angerichtet hast, nicht nur das du Unglück über Land und Leben brachtest, nein, du verletztest deinen Bruder und brachst ihm das Horn ab, der Stolz und magische Schutz eines jeden Drachen. Zur Strafe verbanne ich dich. Du sollst nun von deinen Brüdern getrennt leben. Fristen wirst du dein Dasein auf einem Eiland weit auf dem Meer. Deine Flügel sollen dich nicht mehr tragen, so dass du das Eiland nicht mehr verlassen mögest. Um das Eiland leg ich noch dichten und schweren Nebel, auf das du nie mehr den Weg zum Drachenhort findest. Du sollst mir weiterhin als Wächter des Windes und des Wetters dienen. Aber jedes Mal bevor eines deiner Unwetter über das Land einbricht, soll der Laut aus dem abgebrochenen Horn deines Bruders Nabour ertönen, so dass alles Leben im Land vor dem Unwetter und deinem üblen Machenschaften und Charakter gewarnt sei, dass keiner durch deine Launen zu schaden kommt."

Nach den Worten von Mutter Natur, hüllte sich Stormaags Körper in ein Licht ein und verschwand.

Mutter Natur heilte nun die Wunde auf Nabours Schnauze und nahm das Horn an sich.

Die drei Drachen hatten den Worten ihrer Mutter gelauscht und versprachen ihr, immer treu und gerecht zu dienen. Mutter Natur brachte das Horn zu einem Stamm von Menschen der auf dem benachbarten Gebirge in dichten Wäldern lebte. Sie überreichte dem Stammesältesten das Horn, mit dem Auftrag, das Horn zustoßen immer wenn ein Unwetter im Herannahen ist und das Horn mit ihren Leben zu schützen und es niemanden zu überlassen.

Von diesem Tage an wart das Horn nicht mehr gesehen.

Und der Stamm, der das Horn besaß, verschwand irgendwann aus den Köpfen der anderen Lebewesen des Landes.

Nur den Laut des Horns, vernahm man noch.

Viele Ritter, Adelige, Gelehrte aber auch Unholde suchten vergebens nach dem Horn, aber es blieb in der Zeit verschollen.